Mo. Sep 20th, 2021

Mainz (ots) –

Noch immer werden Menschen gerettet, noch immer werden Tote geborgen. Und die Ungewissheit, wo die vielen Verschollenen sind, ob sie noch leben, wird die Angehörigen gewiss noch einige Tage um den Schlaf bringen. Das Ausmaß der Wetterkatastrophe in der Eifel und im Bergischen Land nimmt von Tag zu Tag schmerzhaftere Dimensionen an. Schnellstmögliche Hilfe und aufrichtige Anteilnahme stehen im Vordergrund. Und doch lassen sich die Debatten über Ursachen zunehmend verharrender Dürren und Starkregen nicht aufhalten. Auch nicht die, welchen Einfluss die Flutkatastrophe auf den Bundestagswahlkampf haben wird. Die oberflächlichste Frage in diesem Zusammenhang ist die, ob sich Politiker – samt TV-Kameras – an den Ort der Verwüstung begeben dürfen. Wenn sie wie Armin Laschet und Vizekanzler Olaf Scholz ein Amt innehaben, in dem sie die Katastrophenhilfe verantworten, selbstverständlich. Wer kein Amt innehat, wie Annalena Baerbock, darf gerne den Urlaub unterbrechen. Sie sollte allerdings auch in den kommenden Wochen der Versuchung widerstehen, Bilder “authentischer” Anteilnahme senden zu wollen. Den Wahlkampf beeinflussen wird die Katastrophe aber in jedem Fall. Und die Wahlaussichten ebenfalls. Bisher haben das Management und die Folgen der Pandemie alle anderen Themen überstrahlt – von dem einen oder anderen Gefecht um die Glaubwürdigkeit einzelner Kandidat*innen mal abgesehen. Von nun an aber wird das Thema der Begrenzung der Erderwärmung und der Vorsorge vor ihren Folgen nicht mehr weichen. Schlechte Karten haben die, die aus der Leugnung dieser Zusammenhänge Kapital schlagen wollten. Dafür sind diese Zusammenhänge längst zu eindeutig: Ein Grad Erwärmung sorgt nachweislich für rund sieben Prozent mehr Wasser in der Atmosphäre. Und die Abschwächung des Jetstreams lässt extrem trockene und feuchte Wetterlagen immer länger auf der Stelle verharren. Und fast jeder, der in einem der vielen Mittelgebirge in Deutschland lebt oder aus ihnen stammt, wird den Gedanken durchspielen: Wie hätte diese Wetterkatastrophe meine Heimat verwüstet? Die Grünen werden in dieser Debatte eher durch Zurückhaltung punkten können. Rechthaberei kann für sie fast so gefährlich werden wie instrumentalisierende Anteilnahme. Eigentlich müssen sie ihr Kernthema nur wirken lassen. Vor allem auf die Glaubwürdigkeit von Armin Laschet. Selbst wenn der angeblich natürliche Kandidat für die Merkel-Nachfolge einen überzeugenden Job als Krisenmanager hinlegen sollte: Der Kohlepolitiker Laschet kann nicht verdecken, dass er und seine Partei alles andere als Treiber einer Politik waren, die den menschengemachten Klimawandel mit menschenmöglichen Mitteln auszubremsen versucht. Mit einem Mal ist doch von Belang, dass sich CDU und CSU von der Europäischen Union und inzwischen sogar von der Industrie antreiben lassen, während ihr Wahlprogramm jede konkrete Zielstellung vermissen lässt. Amtsinhaber mögen im sprichwörtlichen Schlafwagen ins Kanzleramt zurückkehren können. Alle anderen müssen schon sagen, was sie dort wollen. Die Verschiebung der Vorzeichen in diesem Wahlkampf macht aber nicht gleich wieder die Blütenträume von der ersten grünen Kanzlerin und von der ersten 40-jährigen im Kanzleramt wahrscheinlich. Die Vorstellung aber, nach dem 26. September könnte oder sollte eine Regierung ohne Beteiligung der Grünen gebildet werden – die FDP nennt das gern Deutschlandkoalition – hat eindeutig an Strahlkraft verloren.

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Laura Jahn

Von Laura

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